Medienkritik: ++ "SPIEGEL LÜGT " ++

Dass es Rechtsextremisten mit dem Schlachtruf "Lügenpresse" gelang, der Presse einen Seriositäts-Persilschein auszustellen, gehört zu den Übelkeiten der jüngeren Entwicklung.
Aber dass Presse mal wahrer, mal verlogener ist, sollte spätestens seit Streichers/Hitlers anitsemitischem Hetzblatt "Der Stürmer" fester Bestandteil von Allgemeinbildung sein, wenngleich es sich damals hierzulande kaum jemand zu kritisieren traute, denn die Lügen kamen zu vielen grad recht.
Und steht der SPIEGEL zwar weiterhin jenen näher, die einst "BILD lügt!" skandierten, so stellte er sich in der Anti-Wulff-Kampagne erstmals demonstrativ hinter das Hauptorgan des rechtspopulistischen Proll-Journalismus.

Das hat Fortsetzung.

SPIEGEL-Redakteur Alexander Neubacher ließ seine Chlorhuhn-LePen-Kolumne zur Berliner TTIP-Demo im Spruch gipfeln: "bei den TTIP-Protesten sind die Rechten nicht Mitläufer, sondern heimliche Anführer".

Ahja? Die Allianz aus Gewerkschaften, Umweltverbänden und 250.000 Demonstrierenden darf verdutzt sein, aber Neubacher lüftet sein Geheimnis und präsentiert den braunen Pegida-Bachmann (Drogenhandel, 16 Einbruchdiebstähle usw.) als "heimlichen Anführer", weil der seine Kumpane aufgefordert habe, sich an der Demo zu beteiligen.
Ein halbes Dutzend taten es wohl tatsächlich, wurden jedoch mittels "Nazis raus!"-Rufen und Polizei schneller aus der Demo entsorgt als die allgegenwärtigen Kameras das Intermezzo zu fokussieren vermochten.
Neubacher kann es durch Behörden-Anfrage recherchieren, falls nicht genügt, dass von meiner Frau beobachtet, denn viele werden davon nichts mitbekommen haben, wie auch die Presse nicht, was das braune Gesindel ähnlich ärgern muss wie den SPIEGEL-Reporter. 
Denn: Je kruder die Kommentierung, desto mehr bedarf es der "Belege".

Ausnahmslos jeder Satz der Neubacher-Kolumne besudelt den TTIP-Protest braun. Das geht dann auch der Stammleserschaft zu weit. Darum probiert sich der SPIEGEL mit Judith Horchert um etwas Wiedergutmachung mit dem Titel: "Ich bin nicht rechts. Aber gegen TTIP."
Doch es bleibt ein hilfloser Versuch, weil kaum Substanz gegen die unsubstantiierten Behauptungen ihres Kollegen. 
Und an Neubacher vorbei, wenn sie zugunsten der Demo zweierlei Lamenti aufbietet, dass zu demonstrieren ein Grundrecht ist und Protest gegen TTIP verständlich, "weil viel zu wenig über die Verhandlungen bekannt wird."

Also 250.000 auf der Straße, weil sie nicht wissen, wofür und wogegen?

Okay, wenn jemand im Besitz des Wissens verheißt, dann entweder ich oder der SPIEGEL, wie seine Richtungsentscheidung zugunsten TTIP seit 8.Oktober 2015 mit dem Titel "Freihandel mit den USA: Alles über das TTIP-Abkommen - endlich verständlich" nachzulesen.
Zunächst getreu dem Schema "Immer ein bisschen dafür und ein bisschen dagegen" werden die Waagschalen mit den zum "Fazit" passenden Verheißungen beider Seiten gefüllt, so dass es schlussendlich heißen wird, TTIP sei zu empfehlen und kritisches Beäugen förderlich.

Tja, der Monopoly-Journalismus (mit Ausnahme des Öffentlich-Rechtlichen) finanziert sich eben nicht mehr aus Werbung von Regionalunternehmen (wie meinem), sondern braucht die ganzseitigen Brüller der Global Player - und die möchten Abkommen für das "freie Spiel der Kräfte" - möglichst "ohne politische Bevormundung" und ohne Soziales, wie es vielen Wählern einzelner Staaten dann eben doch mal an Bedeutung gewinnt, wenn ihnen die Löhne für die Markenartikel zu schmal geraten.

PS: Im Wasserfall aus Empörung rudert der SPIEGEL inzwischen noch weiter gegen die Gravitation und behauptet, die Kolumne Neubachers stehe für die Meinung eines Einzelnen.
Das ist zweierlei Unfug: 
1. Es gilt weiterhin zwischen Meinungen und Tatsachenbehauptungen (obendrein falschen) zu unterscheiden. 
2. Herr Neubacher ist nicht irgendein Gastkommentator, sondern "Reporter im Hauptstadtbüro des SPIEGEL" und Autor von SPIEGEL-Büchern, in denen es seine ständige Übung ist, alles als "Braun" zu diffamieren, was ihm irgendwie als "Grün" oder gegen globales Sozialdumping verdächtig ist und rot sehen lässt.

Fliegt Neubacher beim SPIEGEL raus, ist ihm der WamS-Job jedenfalls sicher. 

So würde ich es mir wünschen, denn zur Pressevielfalt gehört mir noch immer, dass sich die Blätter nicht bloß im Namen unterscheiden.

Markus S. Rabanus  / "Hauptstadtbüro" :-)  12.10.2015


Mein Kommentar zu TTIP und der >> TTIP-Demonstration vom 10.10.2015

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