Zur Architektur des Nationalsozialismus


Die repräsentative Architektur des Nationalsozialismus hatte in der Vorstellungswelt Hitlers "Wort aus Stein" zu sein, materielle Manifestation der NS-Weltanschauung und Dokument einer vermeintlichen kulturellen Überlegenheit. Der Ewigkeitswert, der den Bauten demzufolge zugeschrieben wurde, fand seinen Ausdruck in der Übernahme der architektonischen Formensprache der Antike, die durch einen spezifisch modernen Reduktionismus überformt und in Volumen und Materialität ins Monumentale überführt wurde.

Dem national-imperialen Herrschaftsanspruch gemäß zielten die repräsentativen Bauten des NS auf die Verkörperung von Macht und Gewalt. Geplant und errichtet wurden sie im Dienste einer intendierten suggestiven Wirkungsabsicht: Monumentale Maßlosigkeit und massive Monotonie, eine Ästhetik der Kälte, wirken bedrohlich, Ehrfurcht gebietend und bringen das Individuum zum Verschwinden.

Erreicht wurden solche propagandistischen Effekte durch Formenstrenge, scheinbar massive Steinverkleidungen, maßstabslose Überdimensionierung, monotone Fensterfaschen, in die Tiefe führende Pfeilerreihungen und den weitgehenden Verzicht auf klassizistische Gliederungsfunktionen. Wo der Nationalsozialismus sich auf die traditionellen Bestände der klassizistischen Baukunst berief, blieb die Aneignung so unsystematisch wie banalisierend und stets instrumentell der politischen Wirkungsabsicht untergeordnet. Das Interesse galt einzig einer Möglichkeit zur Monumentalität und Erhabenheit, der Inszenierung von Macht und der steinernen Artikulation des totalitären Anspruchs auf Unterwerfung des Einzelnen.

Ein zentraler Schauplatz nationalsozialistischer Neuordnungsplanung war die Hauptstadt Berlin. Mit der Ernennung Albert Speers zum "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" im Jahre 1937 begann hier eine neue Ära der Stadtplanung, die die Metropole dem Zugriff totalitärer Neugestaltungsprogrammatik auslieferte. Als Kapitale eines germanischen Weltreiches wurde Berlin in den Phantasien der nationalsozialistischen Herrschaftselite zum Gegenstand von städtebaulichen Planungsvorstellungen einer neuen Größenordnung. Die Entwürfe und Modelle Albert Speers machten die Stadt zur imaginären Projektionsfläche einer utopisch-imperialen Megalomanie, die ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen einer fundamentalen Neuordnung urbaner Raumverhältnisse gleichkam und in ihren Dimensionen ohne Beispiel war.

Die atemlos beschleunigten und pulsierenden europäischen Metropolen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren die Kulminationspunkte der Kultur der Moderne, waren Schmelztiegel der entstehenden industrialisierten Massengesellschaft und Schauplatz der entfesselten und zutiefst heterogenen Avantgardebewegungen. Die Dynamik dieser kulturellen Blüte war den Nationalsozialisten ein Graus. Ihre Ideologie blieb geprägt von tiefer Feindschaft gegenüber der ‚Großstadt’ und der mit ihr assoziierten urbanen Zivilisation. Ihr mythisch gefeierter Chthonismus und die tiefe Kluft zum Geist der modernen Metropole führte sie zu Gegenentwürfen imaginierter Idealstädte, in denen jede Architektur als Akt totalitärer Technokratie erscheint und zum bloßen Herrschaftsinstrument, zu einer Raumordnung der Überwältigung, geronnen ist.

Der Nationalsozialismus hat Individualität und Intellekt im Namen eines völkischen Biologismus verachtet und bekämpft. Dem entsprechend blieb die Formensprache der NS-Bauten letztlich primitiv und rudimentär, eine auf Pathos, Hierarchie und Symmetrie ausgerichtete, an den Idealen soldatischer Uniformität und massenornamentaler Kolossalität aufgerichtete Kulissenarchitektur.

martin

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Zu Albert Speer in Anlehnung an ein anonymes Posting:

Zitat:  
Ich würdige seine Person als bahnbrechender Architekt


Ein ins Groteske übersteigerter Neoklassizismus und Monumentalismus, der sich in seiner Überwältigungsfunktion schon ganz und gar erschöpft. Mit Ästhetik hat das nichts zu tun. Künstlerisch teilt Speer das jämmerliche Schicksal vieler, die sich als Günstlinge dem Totalitarismus ergeben haben, so auch Breker. Bahnbrechend waren höchstens die Menschenopfer, die für Speers Baupolitik in Kauf genommen wurden.

Zitat:
und verständiger Rüstungsminister, 


Als solcher war er lange unterschätzt worden. Aber ohne sein Organisationstalent und seine Politik der Effizienzsteigerung ohne jede Rücksichtnahme wäre das Regime schon früher am Ende gewesen. Dank ihm konnten die Züge weiter nach Auschwitz rollen.

Zitat:
und ich kann menschlich das tieffreundschaftliche Verhältnis zwischen Albert und Adolf nachvollziehen,


Das ist schön für dich, wird dich aber in Erkenntnisfragen kaum weiterbringen.

Zitat: 
wenngleich sein offensichtlicher Verrat nach dem Kriege unverständlich bzw. unverzeihlich ist.


Nur allzu verständlich. Wenn es auf einmal um den eigenen Kragen geht (und nicht mehr um den der Zwangsarbeiter), versucht jeder, seinen Arsch zu retten. Hätte man damals gewusst, was man heute weiß, wäre Speer gehängt worden.

Grüße von Martin 200611       Ergänzungen und >> Diskussion

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