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Mädchen für 200 Euro verkauft 

17.07.2002  UNICEF, OSZE und UN-Menschenrechtskommissariat dokumentieren wachsenden Menschenhandel auf dem Balkan

Der Balkan ist zur Drehscheibe des internationalen Menschenhandels in Europa geworden. Dies ist Ergebnis einer Untersuchung von UNICEF, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und dem UN-Kommissariat für Menschenrechte. Danach sind 90 Prozent aller Prostituierten auf dem Balkan als ?Ware? an Zuhälter und Bordelle verkauft worden. Ihr Kaufpreis beträgt zum Beispiel in Rumänien zwischen 50 und 200 Euro. Im Kosovo werden 700 bis 2.500 Euro für eine Frau gezahlt. Die Gewinne von Schleppern und Bordellbesitzern sind astronomisch. Immer häufiger geraten bereits Teenager oder sogar Kinder in die Fänge der Händler. So sind bis zu 80 Prozent der aus Albanien verschleppten Opfer unter 18 Jahre alt. Lediglich ein Bruchteil von ihnen erhält Hilfe und Beistand. Werden sie als illegale Ausländer aufgegriffen, drohen Haft und Abschiebung. Behörden und Polizei stehen dem Problem vielfach hilflos oder gleichgültig gegenüber.

?Der Zusammenbruch des Kommunismus, der Balkankrieg und die wachsende Armut in der Region haben die Entstehung krimineller Netzwerke des Menschenhandels in Südosteuropa ermöglicht,? sagte Hans Koschnick, ehemaliger EU-Administrator der Stadt Mostar in Bosnien-Herzegowina und Vorstandsmitglied von UNICEF-Deutschland. ?Die Regierungen müssen endlich entschlossen gegen diese schmutzigen Geschäfte vorgehen. Die ausgebeuteten und missbrauchten Opfer dürfen nicht länger als Kriminelle behandelt werden. Sie brauchen Schutz und Hilfe.?

Schmutzige Geschäfte

Die Zahl der Opfer lässt sich nicht genau beziffern. Nach Schätzungen von Nichtregierungs-Organisationen wird über den Balkan als Drehscheibe der größte Teil der rund 120.000 Frauen und Kinder geschleust, die aus Ost- und Südosteuropa jedes Jahr in die EU-Staaten verkauft werden. Die Studie untersucht die Situation in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Mazedonien, Moldawien, Serbien, Kosovo, Kroatien und Rumänien und zeigt, dass immer mehr weibliche Teenager zur sexuellen Ausbeutung und in die Prostitution verkauft werden. Auch der Handel mit jüngeren Kindern, die zum Betteln oder zur Arbeit gezwungen werden, nimmt zu. Häufig sind es Nachbarn oder Schlepper aus dem eigenen Ort, die Eltern in den klassischen Herkunftsländern wie Moldawien, Ukraine und anderen früheren Sowjetrepubliken mit Geld oder falschen Jobangeboten überzeugen. Ältere Mädchen werden selbst angesprochen - in Zeitungsanzeigen oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Versprochen wird ihnen Arbeit in Westeuropa oder auf dem Balkan zum Beispiel als Babysitter, Kellnerin oder Pflegerin.

Teenager zur Prostitution gezwungen - Ein Opfer berichtet:

?Ein Mann aus meiner Nachbarschaft vergewaltigte mich, als ich 15 war. Ich ging zur Polizei, das ganze Dorf wusste, was passiert war, ich bekam Probleme mit meiner Familie und schämte mich furchtbar. Ein Bekannter sprach mich an: Er könne mir einen Job in Mazedonien verschaffen. So hoffte ich alle Probleme hinter mir zu lassen. In Mazedonien lebte ich zusammen mit anderen Mädchen aus Moldawien und Russland eingesperrt in einem Haus, das wir tagsüber nie verlassen durften. Jeden Abend wurden wir in eine Nachtbar gebracht, wo wir als Prostituierte arbeiten mussten?, berichtet ein 16-jähriges Opfer aus dem Kosovo.

Forderungen

Die Studie gibt deutliche Empfehlungen an Regierungen und Hilfsorganisationen zur Verbesserung der Lage der Opfer und zur Vorbeugung.

Es müssen klare Menschenrechtsstandards für die Behandlung der Opfer geschaffen werden. Zu häufig sehen Polizei und Justiz den Menschenhandel bislang nur unter dem Gesichtspunkt illegaler Einwanderung und versäumen es, die Drahtzieher und Händler für die Verletzung von Menschenrechten zu verfolgen und zu bestrafen. Die nationale Polizei muss in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen dafür sorgen, dass Opfer auch als solche anerkannt werden. Bislang ist dies bei schätzungsweise zwei Drittel der verkauften Frauen oder Kinder nicht der Fall. Weniger als zehn Prozent erhalten Hilfe und Beistand. Die Folge: Viele Kinder und Frauen, die von den Behörden in ihr Heimatland zurückgeschickt wurden, geraten wiederum in die Fänge von Händlern und Zuhältern. Um dies künftig zu unterbinden, sind eindeutige Verbote von Menschenhandel in den nationalen Gesetzen und eine entsprechende Ausbildung des zuständigen Behördenpersonals notwendig. In Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen muss ein System zur Unterstützung der Opfer entwickelt werden, das die besonderen Bedürfnisse von Kindern berücksichtigt.

Die meisten Länder in der Region haben inzwischen zumindest das Problem erkannt. Sie reformieren ihre Gesetzgebung und fangen an, in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen den Menschenhandel zu bekämpfen und den Opfern zu helfen.

UNICEF-Projekt

UNICEF Deutschland unterstützt u.a. Projekte in Moldawien, einem der ärmsten Länder der Region, aus der besonders viele Opfer des Menschenhandels stammen. In Zusammenarbeit mit der moldawischen Regierung werden Schutzzentren und Unterstützungssysteme für die Opfer von Kinderhandel etabliert. Lehrer und Erzieher erhalten eine Zusatzausbildung, damit sie Kinder vor den Tricks der Händler warnen können. Für Kinder, die als Opfer sexuellen Missbrauchs aus dem Ausland zurückkehren, gibt es medizinische, psychologische und soziale Hilfe.

Die vollständige Studie zum Download (PDF-Dokument in englischer Sprache, 1,3 MB)

Sendefähiges Bildmaterial (Betacam) zu diesem Thema stellen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich an die UNICEF-Pressestelle, Helga Kuhn, Durchwahl 0221/93650-234 oder -315.

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